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03. Sep 2021 | Demenz

Bekommen viele Demenzkranke die falsche Medikation?

Demenziell veränderte Menschen im Pflegeheim erhalten oft Antipsychotika als Bedarfsmedikation. Dabei sollte das die Ausnahme bleiben, warnt Apothekerin Ingrid Ewering.

Hände eines älteren Mannes halten Wasserglas und Tabletten
Expertinnen und Experten empfehlen bei Menschen mit Demenz den Einsatz von Antidementiva. Der Alltag sieht jedoch anders aus: Oftmals werden Antipsychotika verschrieben.
Foto: AdobeStock/Mike Fouque

„Laut einer Studie erhält jeder zweite Pflegeheimbewohner mit Demenz bei herausforderndem Verhalten […] niedrig dosierte Antipsychotika“, so Ewering im Titelthema „Demenz“ in der August-Ausgabe der Fachzeitschrift Altenpflege. Zugelassen und indiziert seien diese Medikamente aber nur zur Behandlung einer Schizophrenie, nicht jedoch zur „Ruhigstellung“ von Menschen mit Demenz.

Problematisch am Einsatz von Antipsychotika seien vor allem die Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Viel sinnvoller sei die Behandlung mit Antidementiva, also Wirkstoffen, die den Verlauf einer Demenz verlangsamen, so Ewering.

Laut S3-Leitlinie „Demenz“ sollten Psychopharmaka nur bei Eigen- und Fremdgefährdung zum Einsatz kommen. „Bei unruhigen Bewohnerinnen und Bewohnern jedoch, die niemanden gefährden, löst ein Personal- oder Zimmerwechsel das ‚Problem‘ unter Umständen besser als Medikamente“, so Ewering.

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1 Kommentare

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07. Sep 2021

Studien zeigen schon seit langem, dass Menschen mit Demenz vor allem in stationären Einrichtungen der Altenpflege ein Vielfaches von dem an Psychopharmaka verabreicht bekommen als Menschen in Demenz-Wohngemeinschaften. Personalmangel, schlechte Arbeitsbedingungen, Überforderung, fehlender Mut "Nein!" zu sagen. Es gibt vielschichtige Gründe dafür. Therapieziel bei der ( in der Regel 'Off-Label-) Indikation von Antipsychotika bei Menschen mit Demenz darf niemals "Ruhigstellung" sein. Im Pflegealltag ist genau dies der Fall. Jeder weiß das. Pflegekräfte und auch die verordnenden Ärzte. Und ebenso die Einrichtungsleitungen. Die Corona-Pandemie und die Würde und Menschenrecht verletzenden Maßnahmen in Pflegeheimen haben diese unfassbare Problematik nicht hervorgerufen sondern nur verstärkt. Das sogenannte "herausfordernde Verhalten" ist nur in den seltensten Fällen krankheitsbedingt, fast immer reagieren Menschen mit Demenz auf herausforderndes Verhalten von Pflegepersonen und fehlender milieutherapeutischer Umgebung, die in keinster Weise an die Bedürfnisse von Demenzbetroffenen aber auch des Pflegepersonals angepasst sind. Dass es auch anders geht, zeigen viele Demenz-Wohngemeinschaften sowie Demenz-Wohnbereiche in Pflegeheimen mit gerontopsychiatrischen Pflegekonzepten. Dort spricht man übrigens schon seit langem von "herausfordernd erlebtem" Verhalten. Wir sind die beste Medizin. Das stellt auch der Expertenstandard zur Beziehungsgestaltung bei der Pflege von Menschen mit Demenz fest: Beziehungen und echte, einfühlsame Kontaktaufnahme haben einen positiven Einfluss nicht nur auf die demenziell veränderten Menschen sondern auch und besonders auf den Verlauf der Erkrankung selbst. Da kann auch kein Antidementivum mithalten. Es wird eine Zeit kommen, wo zukünftige Generationen kopfschüttelnd auf die Praxis der unreflektierten Psychopharmakagabe bei Menschen mit Demenz schauen werden. Es ist und bleibt eine Schande für unseren Berufsstand. Ante Caljkusic, Altenpfleger

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