Fachwissen kompakt

Sepsis ist immer ein Notfall

Unspezifische Symptome erschweren die frühzeitige Erkennung einer Sepsis. Umso wichtiger ist die Sensibilisierung der Pflegepersonen für diesen zeitkritischen und lebensbedrohlichen Notfall.

Foto: AdobeStock/CHW

Autorin: Thuan Madzharov ist Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Referentin bei der Kampagne „Deutschland erkennt Sepsis“.

Eine Sepsis, im Volksmund auch als „Blutvergiftung“ bekannt, ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion. Bei der Bekämpfung einer lokalen Entzündung reagiert das Immunsystem über und schädigt dabei auch Gewebe und Organe.

Unbehandelt endet eine Sepsis immer tödlich. Jährlich erkranken in Deutschland mindestens 230.000 Menschen an einer Sepsis und mindestens 85.000 versterben daran. Von den Überlebenden erleiden circa 75 Prozent Langzeitfolgen. Sepsis fordert im Krankenhaus doppelt so viele Todesopfer wie Schlaganfall und Herzinfarkt zusammen. Die meisten Todesfälle sind jedoch vermeidbar – entscheidend sind Früherkennung und schnellstmögliche Behandlung.

In der Altenpflege ist das Thema besonders relevant: Menschen über 60 Jahre, Bewohner:innen mit mehreren chronischen Erkrankungen und einem geschwächten Immunsystem gehören zur Risikogruppe. Wer sich nicht mehr klar äußern kann, ist auf eine sorgfältige Fremdbeobachtung angewiesen.

Warnzeichen erkennen

Infektionen äußern sich auf sehr unterschiedliche Weise. Pflegefachpersonen sollten daher sehr aufmerksam sein. Tritt bei einer bekannten akuten Infektion eines der folgenden sechs Warnzeichen auf, handelt es sich womöglich um eine Sepsis oder um einen anderen lebensbedrohlichen Zustand:

  1. Ein plötzlich auftretendes, bisher nicht gekanntes Krankheitsgefühl sowie außergewöhnlich starke Schmerzen können auf eine Sepsis hinweisen. Betroffene beschreiben ihren Zustand häufig als „sterbenselend“ und fühlen sich „so krank wie noch nie“.
  2. Eine feuchtkalte und bläulich marmorierte Haut kann auf eine gestörte Durchblutung und einen beginnenden Kreislaufzusammenbruch hinweisen. Dieses Zeichen sollte immer als ernstes Warnsignal gewertet werden.
  3. Ein Puls von mehr als 120 Schlägen pro Minute ist ein mögliches Frühzeichen einer Sepsis. Der Körper versucht, eine beginnende Kreislaufstörung auszugleichen. Ein plötzlich beschleunigter Puls ohne erkennbare Belastung ist ein Alarmzeichen.
  4. Ein systolischer Blutdruck unter 100 mmHg weist auf eine unzureichende Organperfusion hin. Sinkende Blutdruckwerte sind bei Verdacht auf Sepsis stets als medizinischer Notfall zu betrachten und erfordern sofortiges Handeln.
  5. Eine Atemfrequenz von mehr als 20 Atemzügen pro Minute deutet auf eine akute Belastung des Körpers hin, der versucht, den Sauerstoffbedarf zu decken und Stoffwechselprodukte abzubauen. Atemnot oder beschleunigte Atmung erfordern rasche Handlungsmaßnahmen.
  6. Plötzliche Verwirrtheit, Benommenheit oder deutliche Veränderungen im Verhalten können auf eine Beteiligung des Gehirns hinweisen. Solche Veränderungen sind bei älteren Menschen häufig frühe Zeichen einer schweren Infektion.

Eine Sepsis kann leicht übersehen werden, weil die Symptome oft unspezifisch sind. Ältere Bewohner:innen zeigen häufig atypische Krankheitszeichen, wie plötzliche Verwirrtheit, Abgeschlagenheit oder verändertes Verhalten, die auf eine Vielzahl von Ursachen hindeuten können. Pflegekräfte stehen vor der Herausforderung, genau zu unterscheiden, ob eine Verschlechterung harmlos oder potenziell lebensbedrohlich ist.

Hinzu kommt, dass viele Bewohner:innen mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig haben. Symptome einer Sepsis lassen sich leicht mit den Beschwerden der Grunderkrankungen verwechseln: Kurzatmigkeit kann bei einer bestehenden Lungenerkrankung auftreten, Müdigkeit oder Abgeschlagenheit bei Herzschwäche und Schmerzen oder Unwohlsein werden nicht immer klar geäußert. Das erschwert die Früherkennung zusätzlich, besonders bei Bewohner:innen, die sich verbal nicht eindeutig äußern können.

In der Praxis kommt hinzu, dass Pflegekräfte häufig viele Aufgaben parallel bewältigen und mehrere Bewohner:innen gleichzeitig betreuen. Ohne strukturierte Beobachtungsroutinen besteht die Gefahr, dass subtile Anzeichen im Alltag untergehen. Ohne die Nutzung von standardisierten Scores (wie etwa des NEWS 2-Scores) oder Checklisten hängt die rechtzeitige Erkennung einer Sepsis stark vom individuellen Wissen und der Erfahrung der Pflegekräfte ab.

Richtig handeln

Früherkennung allein reicht nicht – schnelles und strukturiertes Handeln ist entscheidend. Vitalzeichen wie Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Temperatur sollten regelmäßig gemessen und mit dem gewohnten Normalzustand der Bewohner:innen verglichen werden. Bei erhöhtem Risiko oder akuten Auffälligkeiten sind mehrfache Kontrollen pro Tag sinnvoll. Auch die Urinmenge kann Hinweise auf beginnende Organfunktionsstörungen liefern.

Die klinische Beobachtung des Allgemeinzustands und der kognitiven Orientierung ist ebenso wichtig. Plötzliche Verwirrtheit oder Wesensveränderungen sind häufig frühe Warnsignale einer Sepsis. Beispielsweise kann der CAM-Test (Confusion Assessment Method) helfen, diese Veränderungen systematisch zu erfassen, insbesondere bei Bewohner:innen, die sich selbst nicht klar äußern können.

Schon kleine Veränderungen in Verhalten, Hautfarbe, Mobilität oder kognitiver Orientierung sollten ernst genommen und strukturiert dokumentiert werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass keine kritischen Anzeichen übersehen werden und Bewohner:innen rechtzeitig die notwendige medizinische Versorgung erhalten. Zeitverlust durch Abwarten kann lebensgefährlich sein. Routinekontrollen, strukturierte Übergaben und klare Kommunikationswege im Verdachtsfall erhöhen die Sicherheit und verhindern, dass kritische Veränderungen verspätet behandelt oder gar übersehen werden.

Jede Abweichung vom gewohnten Zustand der Bewohner:innen sollte zeitnah dokumentiert werden, um die Beobachtung lückenlos nachzuvollziehen. Um die Früherkennung von Sepsis in der Pflege zu verbessern, ist es entscheidend, ein Bewusstsein für diesen lebensgefährlichen Notfall zu schaffen, der sofortiges Handeln erfordert. Regelmäßige Schulungen, Fallbesprechungen und klare Scores können helfen, Risiken systematisch einzuordnen und Unsicherheiten bei der Ersteinschätzung zu reduzieren.

Auch klar definierte Kommunikationswege sind essenziell: Auffälligkeiten sollten unverzüglich an die zuständige Leitungsebene gemeldet werden, etwa an die Pflegedienst- oder Wohnbereichsleitung. Bei Bedarf kann zusätzlich die hausärztliche Praxis oder der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 kontaktiert werden, um zeitnah eine fachliche Einschätzung zu erhalten. Akute Lebensgefahr, etwa bei starkem Kreislaufabfall, Bewusstlosigkeit oder schwerer Atemnot, erfordert den sofortigen Notruf unter 112.

Infektionen vorbeugen

Die Vermeidung von Infektionen bildet die Grundlage jeder Sepsisprävention. Ein konsequentes Hygienemanagement reduziert die Eintrittspforten für Krankheitserreger und senkt damit das Risiko für eine lebensbedrohliche systemische Infektion. Dazu gehören die sorgfältige Versorgung und die regelmäßige Kontrolle von Wunden, die Behandlung chronischer Erkrankungen sowie die Beachtung standardisierter Hygienerichtlinien im Pflegealltag. Ebenso essenziell sind Händehygiene, der sachgerechte Einsatz von Mund-Nasen-Schutz sowie insbesondere die zeitnahe Behandlung jeder akuten Infektion, um eine Ausbreitung von Erregern im Umfeld der Bewohner:innen zu verhindern. Pflegeeinrichtungen sollten zudem sicherstellen, dass der Impfstatus aller Bewohner:innen aktuell ist, da Impfungen einen wirksamen Schutz gegen zahlreiche Infektionen bieten, die eine Sepsis auslösen können.

Fazit

Sepsis ist lebensgefährlich, aber viele Todesfälle sind vermeidbar: Früherkennung sowie schnelles und richtiges Handeln retten Leben. Pflegekräfte sollten typische Warnzeichen kennen, ernst nehmen, dokumentieren und „Speak Up“ praktizieren – also Auffälligkeiten aktiv ansprechen, auch wenn Unsicherheit besteht, um Verzögerungen zu vermeiden. Schulungen, klare Strukturen und eine gelebte Achtsamkeits- und Fehlerkultur unterstützen dies langfristig. Auch pflegende Angehörige sollten eingebunden, aufgeklärt und beraten werden, damit relevante Veränderungen rechtzeitig erkannt und angesprochen werden können. Wichtig ist zudem die Nachsorge von Bewohner:innen, die bereits eine Sepsis hatten: Pflegekräfte benötigen Kenntnisse über die möglichen körperlichen, psychischen und kognitiven Langzeitfolgen, um Bewohner:innen optimal zu betreuen und Rückfälle sowie Komplikationen zu vermeiden.

Schutzmaßnahmen:
  • Impfstatus regelmäßig überprüfen, fehlende Impfungen sofort nachholen
  • Bei Bedarf: Mund-Nasen-Schutz tragen
  • Hände waschen; Beachtung allgemeiner Hygieneregeln
  • Wunden desinfizieren, pflegen und beobachten
  • Chronischen Erkrankungen vorbeugen und sie behandeln
  • Jede Infektion ernst nehmen und konsequent behandeln

Kontakt zur Autorin:
madzharov@aps-ev.de

Anzeige: