Pflegepraxis

Virtuell um die Welt: Wie Reisen per VR-Brille die Lebensqualität steigern

Das Martin-Luther-Haus in Münster setzt auf innovative Technik: Virtuelle Reisen bringen Erinnerungen zurück und schaffen neue Erlebnisse – auch für Menschen mit Einschränkungen.

Virtuelle Reisen bringen die Bewohner:innen zurück an die Orte ihrer Vergangenheit. Bild: Yvonne Plöger/Diakonie Münster

Ein Spaziergang durch den eigenen Lieblingsort oder eine Reise in ferne Länder – für viele ältere Menschen bleibt das oft nur ein Wunsch. Im Martin-Luther-Haus der Diakonie Münster wird dieser Wunsch Realität, zumindest virtuell. Mithilfe von Virtual-Reality-Technologie (VR) ermöglicht die Einrichtung ihren Bewohnerinnen und Bewohnern digitale Ausflüge an vertraute und neue Orte, ohne das Haus verlassen zu müssen. Ziel des Projekts: Die Lebensqualität der Seniorinnen und Senioren nachhaltig zu verbessern.

Kernstück des Angebots sind die sogenannten virtuellen Seniorenreisen. Mit speziellen VR-Brillen tauchen die Teilnehmenden in eigens für sie gefilmte 360-Grad-Welten ein. Ob Spaziergänge durch Münster oder Reisen an weiter entfernte Ziele – jedes Erlebnis wird individuell auf die Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner zugeschnitten. Dabei geht es nicht nur um Unterhaltung. Die digitalen Reisen fördern kognitive Fähigkeiten, regen die Sinne an und schaffen soziale Interaktionen. „Die Möglichkeit, selbst über das Reiseziel zu entscheiden, stärkt das Selbstwertgefühl der Teilnehmenden“, heißt es aus der Diakonie Münster.

Deutscher Fernsehlotterie finanziert Umsetzung

Ermöglicht wurde das Projekt durch eine Förderung der Deutschen Fernsehlotterie. Insgesamt flossen 19.300 Euro in die technische Ausstattung und Umsetzung. Die Koordination übernahm Yvonne Plöger, digitale Quartiersmanagerin der Diakonie Münster. Doch auch die Unterstützung durch Partner wie die Fördiko GmbH war entscheidend.

Wie positiv das Angebot aufgenommen wird, zeigt die Resonanz der Bewohnerinnen und Bewohner: Sie berichten von bewegenden Erlebnissen, Freude an der neuen Technik und der besonderen Erfahrung, Orte zu besuchen, die ihnen aus der Vergangenheit vertraut sind. Pflegekräfte und Angehörige beobachten ebenfalls, wie die virtuellen Ausflüge emotionale Stabilität fördern und den Alltag bereichern.

Auch wissenschaftlich wurde das Projekt begleitet. Studierende der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) führten Interviews mit Teilnehmenden sowie Mitarbeitenden und untersuchten die Wirkung der virtuellen Reisen. Dabei zeigte sich, wie wichtig eine individuelle Begleitung für die oft hochbetagten und teilweise an Demenz erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner ist. Unterschiedliche Einschränkungen – etwa Seheinschränkungen oder Schwerhörigkeit – stellten zunächst Barrieren dar. Doch auch hierfür fanden sich Lösungen: Untertitel in den Präsentationen oder speziell angepasste Lichtverhältnisse sorgten dafür, dass die Inhalte für möglichst viele zugänglich sind.

Digitale Innovationen bauen Barrieren ab

Besonders eindrücklich war das Erlebnis einer Bewohnerin mit starken Seheinschränkungen. Sie berichtete, dass sie durch die VR-Brille mehr Details erkennen konnte als im normalen Alltag – das gebündelte Licht entsprach genau den Bedürfnissen ihrer Netzhaut. Solche Erfahrungen bestätigen die große Bedeutung individuell abgestimmter Technik in der Pflege und verdeutlichen, wie digitale Innovationen Barrieren abbauen können.

Um den Erfolg des Projekts langfristig zu sichern, wurde die Schulung von Mitarbeitenden in zwei weiteren Einrichtungen der Diakonie Münster (Handorfer Hof und Haus Simeon) durchgeführt. Damit können auch dort die bestehenden VR-Präsentationen weiterhin genutzt werden, wenn die Förderung im Sommer 2025 ausläuft. Ziel ist es, das Angebot dauerhaft im Freizeitprogramm zu verankern und so möglichst vielen Seniorinnen und Senioren zugänglich zu machen.

Die Verantwortlichen blicken bereits in die Zukunft: Geplant sind Kooperationen und Erweiterungen des Projekts, um noch mehr Menschen diese besondere Form der Teilhabe zu ermöglichen. (ck)