Personal
Wie neue Generationen in der Pflege Verantwortung übernehmen
Mit 29 Jahren wird Christian Scheuerer Einrichtungsleiter im BRK-Seniorenwohnen Hemau. Heute, acht Jahre später, steht der 37-Jährige für eine Entwicklung, die in der Pflege längst keine Ausnahmemehr ist: Junge Menschen übernehmen früh Verantwortung. Und sie prägen eine neue Führungskultur.
Von Michael Sudahl
In Bayerns Pflegeeinrichtungen ist fast jede zweite Fachkraft über 50 Jahre alt. Doch bei der Sozialservice-Gesellschaft (SSG) des Bayerischen Roten Kreuzes – mit 26 Standorten und rund 3.000 Mitarbeitenden – rücken zunehmend junge Menschen in Führungspositionen. Eine Entwicklung, die Chancen birgt, aber auch Fragen aufwirft: Wie viel Erfahrung braucht Leitung? Wie führt man ein Team, dessen Mitglieder doppelt so alt sind? Und wie bleibt man selbst standhaft, wenn der Alltag drückt?
Vom Umweg zur Führung
Für Christian Scheuerer war der Weg in die Führung kein Selbstläufer. „Ich bin in der Fachoberschule gescheitert“, erzählt er offen. Über Umwege fand er in die Pflege – und entdeckte dort, was ihn antreibt: gestalten, entwickeln, Verantwortung übernehmen. Nach seiner Ausbildung studierte er Pflegemanagement, arbeitete als Wohnbereichsleiter, dann als Stellvertreter – begleitet von seinem Chef, der ihn wie ein Mentor förderte und forderte.
Als sich dessen beruflicher Wechsel abzeichnete, war der Weg frei. „Ich wurde gefragt, ob ich mir den Job zutraue“, erinnert sich Scheuerer. Heute sagt er: „Ich habe viel gelernt – über Führung, aber auch über mich selbst.“ Er führt mit klaren Strukturen, Offenheit und einem tiefen Verständnis für Teamdynamik. Denn Hemau war nie ein „Krisenhaus“. Scheuerer konnte auf ein gutes Klima bauen.
Coaching statt Standardseminare
Für Silke Grießhammer, Leiterin Recruiting, Personal- & Organisationsentwicklung bei der SSG, ist Scheuerer das beste Beispiel dafür, dass Führung in der Pflege mehr braucht als Fachwissen: „Wir müssen jungen Führungskräften helfen, ihre individuellen Fragen zu lösen.“ Die Personalerin arbeitet an einem Konzept für „Coaching on the Job“. Statt standardisierter Seminare soll gezielte Begleitung im Alltag helfen – bei Unsicherheiten, schwierigen Gesprächen, bei den Momenten, in denen Zweifel aufkommen. Grießhammer spricht dabei auch über ein Thema, das in der Pflege oft unterschätzt wird: Macht. „Führung bedeutet immer auch, sich des eigenen Einflusses bewusst zu sein. Wenn Kommunikation hier scheitert, entsteht Frust – und der führt zur Kündigung.“
Wie die neue Generation Führung lebt, zeigt sich im Alltag von Janet Reffel. Die 32-Jährige leitet den Wohnbereich „Gelb“ im BRK-Haus Goldbach – und führt ein Team, das im Durchschnitt 25 Jahre alt ist. Sie sagt: „Ich komme gut mit der Gen Z klar.“ Ihre Art zu führen ist pragmatisch und fürsorglich zugleich. Dienstpläne richten sich nach Lebensrealitäten – Tanzkurs, Fußballtraining oder Führerscheinprüfung stehen mit auf der Agenda. „Das trägt zum mentalen Glück bei“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Das klappt zu 90 Prozent.“ Flexibilität ist bei ihr gelebte Praxis. Doch sie weiß: Nicht alle können oder wollen mitziehen. „Manche ältere Kolleginnen sagen: ‚Das haben wir 20 Jahre so gemacht.'“ Reffel lächelt – und widerspricht. Entwicklung, findet sie, sei für alle Generationen wichtig.
Balance zwischen Freiraum und Struktur
Auch Yesi Conteras, 27, hat früh gelernt, dass Führen bedeutet, sich selbst treu zu bleiben – und dennoch andere mitzunehmen. Die gebürtige Dominikanerin arbeitet in Alzenau als stellvertretende WBL. Ihren Führungsstil beschreibt sie als Balanceakt: „Ich gebe gerne Freiraum, kann aber auch sagen, wenn mich etwas stört.“ Sie weiß, dass ältere Kolleginnen klare Strukturen brauchen, während sie selbst Abwechslung liebt. Deshalb teilt sie ihre Woche: 60 Prozent Pflege und Praxisanleitung, 40 Prozent Verwaltung und Leitung. Ein Modell, das ihr Freiraum gibt – und den Mitarbeitenden Sicherheit.
Führung als Beziehungsarbeit
Was alle drei eint, ist ihre Haltung: Führung heißt für sie nicht Vorgeben, sondern Beziehung. Sie fördern Dialog statt Distanz, Selbstreflexion statt Hierarchie. Und sie zeigen: Pflege ist längst nicht mehr nur Fürsorge für andere – sondern auch Gestaltung der eigenen beruflichen Zukunft. Doch diese Entwicklung braucht Begleitung. Junge Leitungskräfte sind motiviert, schnell, wissbegierig – aber oft auch unter Druck. Die Balance zwischen persönlicher Reife, Verantwortung und Fachlichkeit ist eine Herausforderung, die strukturell gestützt werden muss. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsrezept: nicht allein zu führen, sondern begleitet zu wachsen. Denn wie Christian Scheuerer sagt: „Ich hatte einen Mentor, der an mich geglaubt hat. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“
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