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100.000 Euro Außenstände: Jedes dritte Pflegeheim geht in Vorleistung

Pflegeeinrichtungen gehen massiv in Vorleistung, während Sozialämter mit Antragsbearbeitung nicht nachkommen – Liquiditätsprobleme drohen.

"Hier entstehen finanzielle Löcher, die kleinere Träger kaum stemmen können. Wir sprechen nicht über ein paar Euro, sondern schnell über fünfstellige Beträge pro Bewohner", sagt Wilfried Wesemann, Vorsitzender des DEVAP. Foto: DEVAP

Eine alarmierende Situation zeichnet sich in der stationären Langzeitpflege ab: 35 Prozent der Pflegeheime haben inzwischen Außenstände von über 100.000 Euro, weil Sozialämter Sozialhilfeanträge nicht zeitnah bearbeiten. Dies geht aus einer aktuellen bundesweiten Umfrage des Verbandes katholischer Altenhilfe in Deutschland (VKAD) und des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) hervor.

Dramatische Wartezeiten bei Sozialhilfeanträgen

Laut der Erhebung beantragen 43 Prozent aller Heimbewohner Sozialhilfe. Von diesen Antragstellern sind 32 Prozent von massiven Bearbeitungsverzögerungen betroffen. Fast 94 Prozent dieser Betroffenen warten sechs Monate oder länger auf einen positiven Bescheid. Wartezeiten von bis zu einem Jahr sind keine Seltenheit.

„Hier entstehen finanzielle Löcher, die kleinere Träger kaum stemmen können. Wir sprechen nicht über ein paar Euro, sondern schnell über fünfstellige Beträge pro Bewohner“, erklärt Wilfried Wesemann, Vorsitzender des DEVAP.

Existenzbedrohende Situation für Pflegeeinrichtungen

Die finanziellen Folgen für die Einrichtungen seien gravierend. Fast jede dritte Einrichtung sieht ihre Liquidität durch die ausstehenden Zahlungen ernsthaft gefährdet, so DEVAP und VKAD. Während die Pflegeheime kontinuierlich Unterkunft, Verpflegung und Pflege bereitstellen müssen, bleiben die dafür notwendigen Einnahmen aus.

Barbara Dietrich-Schleicher, Vorsitzende des VKAD, veranschaulicht das Problem mit einem Vergleich: „Man stelle sich vor, ein Restaurant müsste seine Gäste monatelang kostenfrei bewirten, weil die Rechnung nicht beglichen wird. Genau das erleben Pflegeheime gerade.“

Forderungen nach strukturellen Lösungen

Als Reaktion auf diese unhaltbare Situation fordern VKAD und DEVAP konkrete Maßnahmen vom Bundesgesundheitsministerium:

  • Eine Vorfinanzierung der Sozialhilfeleistungen von mindestens 75 Prozent der Ausgaben
  • Ein nachgelagertes Prüfverfahren zur Entlastung der Pflegeheime
  • Digitalisierung und Entbürokratisierung des Antragsverfahrens

Bislang bleibe vielen Heimbewohnern und Einrichtungen nur der Weg über Dienstaufsichtsbeschwerden, um die Sozialämter zum Handeln zu bewegen – ein Zustand, den Wesemann als „Armutszeugnis für die Sozialpolitik“ bezeichnet.