Digitalisierung

ALTENPFLEGE 2026: Bürokratie als Risikofaktor

Die Pflegebranche steht vor einem strukturellen Problem, das selten im Mittelpunkt der Diskussion steht: überlange Bewilligungsverfahren bei der „Hilfe zur Pflege“ gefährden die wirtschaftliche Stabilität vieler Einrichtungen. Im Vorfeld der Leitmesse ALTENPFLEGE 2026 spricht Jasper Böckel, Gründer und Geschäftsführer von Myo, darüber, wie KI-gestützte Lösungen administrative Prozesse entlasten können – und warum das eine Frage der Existenzsicherung ist.

„Die Bürokratie ist der Bereich, in dem KI einen echten Beitrag leisten kann, ohne in den Kernbereich menschlicher Zuwendung einzugreifen“, sagt Jasper Böckel, Gründer & Geschäftsführer von Myo. Grafik/Foto: Vincentz Network/Myo

Herr Böckel, KI wird in vielen Branchen als Bedrohung wahrgenommen. Wie sehen Sie das für die Pflegebranche?
Jasper Böckel: Die Pflegebranche wird dieses Schicksal nicht in gleicher Weise treffen. Pflege ist und bleibt im Kern menschlich – und das wird noch sehr lange Zeit unersetzbar bleiben. Trotzdem wird sich auch die Pflege durch KI verändern, aber eher als Chance und nicht als Bedrohung.
Ich würde mir wünschen, dass man immer wieder kritisch hinterfragt, welche Aufgaben unabdingbar menschlich sind – und gleichzeitig den Anspruch hat, alles andere durch Technik unterstützen zu lassen. Wenn man diesen Gedanken konsequent zu Ende denkt, landet man sehr schnell bei der überbordenden Bürokratie. Das ist der Bereich, in dem KI einen echten Beitrag leisten kann, ohne in den Kernbereich menschlicher Zuwendung einzugreifen.

Wo sehen Sie konkret den größten bürokratischen Engpass in der Pflege heute?
Böckel: Ein besonders deutliches Beispiel ist die Antragstellung auf „Hilfe zur Pflege“. Für Antragstellerinnen und Antragsteller ist sie durch ihre Komplexität sehr aufwändig, extrem frustrierend und in einer eh schon überfordernden Situation belastend. Gleichzeitig sind auch die Sozialämter zunehmend überlastet – bereits mehr als 40 Prozent der Pflegebedürftigen sind auf „Hilfe zur Pflege“ angewiesen, die Antragszahlen steigen entsprechend.
Das eigentliche Problem liegt in der Qualität der eingereichten Anträge. Schlechte Anträge führen zu endlosen Rückfrage-Schleifen, die den Bewilligungsprozess erheblich verzögern. Das Resultat: Bis zur Bewilligung dauert es im Durchschnitt zehn Monate. Zehn Monate, in denen Pflegeunternehmen ihre Arbeit machen, aber nicht bezahlt bekommen. Das ist eine extrem kritische Situation und eine ernsthafte Gefährdung der wirtschaftlichen Stabilität.

Wie kann ein KI-gestützter Ansatz diesen Prozess konkret verbessern?
Böckel: Genau hier setzt „formfix“ an. Die Lösung unterstützt bei der Antragstellung durch intelligente Führung, automatische Prüfungen und klar strukturierte Prozesse. Dadurch wird die Qualität der Anträge deutlich erhöht. Das reduziert Rückfragen, beschleunigt Bewilligungen und schafft Transparenz über den gesamten Prozess hinweg.
Erste Ergebnisse liegen bereits vor: Anträge, die über „formfix“ eingereicht wurden, wurden zwei bis vier Mal schneller bewilligt. KI übernimmt hier keine Pflege, sondern Bürokratie – und leistet damit einen direkten Beitrag zur Stabilisierung der Wirtschaftlichkeit von stationären Einrichtungen und ambulanten Pflegediensten.

Was bedeutet das in der Praxis für Pflegeunternehmen?
Böckel: Für Pflegeunternehmen bedeutet das vor allem eines: mehr Planungssicherheit. Einnahmen werden kalkulierbarer, Verwaltungsaufwände sinken spürbar und wertvolle Ressourcen werden freigesetzt. Offene Sozialamtszahlungen lassen sich reduzieren, weil der Bewilligungsprozess schneller und reibungsloser verläuft.
Das ist kein Komfortgewinn, sondern ein strukturell relevanter Faktor für die wirtschaftliche Stabilität von Pflegeeinrichtungen. Wenn administrative Prozesse effizienter werden, entsteht Spielraum – für die Einrichtung, für die Mitarbeitenden und letztlich auch für die Menschen, die gepflegt werden.

Interview: Ina Füllkrug

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