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„Haus-Unordnung“ als Modell: Innovativer Umgang mit Menschen mit Demenz
Die compassio-Einrichtung „Arche am Mühlenteich“ begleitet Menschen mit Demenz u.a. mit Biografiearbeit und einem innovativen Farbkonzept. Individuelle Bedürfnisse stehen vor starren Routinen.
Deutschlandweit leben derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Prognosen zufolge könnte die Zahl bis 2050 auf 2,7 Millionen Betroffene ansteigen. Um auf die Situation von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen aufmerksam zu machen, steht der September traditionsgemäß im Zeichen der Erkrankung. In diesem Jahr lautet das Motto „Demenz – Mensch sein und bleiben“.
In Linnich (Kreis Düren, NRW) widmet sich die Wohnanlage „Arche am Mühlenteich“, eine Einrichtung der compassio Gruppe, diesem Anspruch mit einem besonderen Konzept. Das gerontopsychiatrische Pflegehaus betreut 43 Menschen mit Demenz und erhaltensauffälligkeiten. Statt eines strikten Tagesablaufs verfolgt die Einrichtung eine sogenannte „Haus-Unordnung“, die auf individuelle Lebensrhythmen und biografische Besonderheiten eingeht. Für Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das mehr Freiheit im Alltag, für Angehörige oft einen Perspektivwechsel.
Selbstbestimmte Tagesabläufe, freie Bewegung, kleine Alltagsgesten
Einrichtungsleiterin Birgit Kerski hat das Konzept mitentwickelt und erläutert: Ziel sei es, den Bewohnern würdevoll und alltagsnah Teilhabe zu ermöglichen, ohne sie zu stigmatisieren. Dazu gehören Freiräume wie selbstbestimmte Tagesabläufe, die Möglichkeit, sich auf dem Gelände frei zu bewegen, oder kleine Alltagsgesten wie eigenständiges Anziehen – auch wenn das Unterhemd mal über der Bluse sitzt.
Birgit Kerski liefert ein weiteres Beispiel: „Ein Bewohner war früher Bergmann und hat sich immer um zwei Uhr nach dem Dienst die Kohle vom Leib geduscht. Den kann ich nicht morgens um acht Uhr unter die Dusche karren. Das gibt nur Ärger. Wenn ich seinen Rhythmus berücksichtige, bleibt alles friedlich. Das muss man den Angehörigen auch erstmal beibringen. Sie erwarten häufig, dass Oma mit der sauberen, hübschen Bluse fröhlich am Kaffeetisch sitzt – überspitzt gesagt.“
Durchdachtes Farbkonzept
Zu den besonderen Merkmalen der Arche zählt auch ein durchdachtes Farbkonzept: Es gliedert die Einrichtung in drei integrative Wohnbereiche – Sonnenblume, Pusteblume, Anemone – jeweils mit abgestimmten Farben, Motiven und Geschirr. Mögliche Gefahrensituationen wie Treppenhäuser sind in Signalfarben klar abgesetzt. Das funktioniert als kognitiver Marker, der Gefahr signalisiert, die Bewohner unterbewusst abhält und dem Fachpersonal mehr Reaktionszeit verschafft. Sanftere Farben wirken hingegen nachweislich beruhigend und laden zum Aufenthalt ein.
Für Angehörige bedeutet das Pflegekonzept häufig ein Umdenken im Umgang mit der Krankheit. Nicht jede Handlung muss für die Außenwelt Sinn ergeben, solange sie für die betroffene Person Bedeutung hat. So kann ein ehemaliger Fliesenleger stundenlang Fugen nachzeichnen und dabei Erfüllung finden. Kerski betont: „Wir haben hier eine sehr hohe Fachkräfte-Quote und sind nicht emotional gebunden wie Angehörige, aber begleiten die Bewohner mit Herz und mit Ruhe durch ihren Alltag. Auch wenn es mal zu Konflikten kommt, denn auch als demente Person darf man noch in Konfliktsituationen geraten. Das wird oft vergessen. Ich wünsche mir, dass die Bewohner so sein dürfen, wie sie einfach sind.“
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