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Wundversorgung löst sich von starren Pflege-Routinen

Zwei-Stunden-Umlagerung, feste Pflegeabläufe, standardisierte Empfehlungen: Genau diese Routinen geraten in der modernen Dekubitusversorgung zunehmend unter Druck. Auf dem EWMA- und DEWU-Kongress in Bremen zeigten Fachleute, warum individuelle Risikoeinschätzung, Kommunikation und Motivation wichtiger werden. Damit verändert sich nicht nur die Leitlinie – sondern womöglich der gesamte Pflegealltag.

In mehr 900 Fachvorträgen, Sitzungen, Diskussionsrunden und Workshops zeigten an die 350 Expertinnen und Experten die Herausforderungen, die Chancen und Lösungen guter Wundbehandlung auf. Foto: Asim Loncaric

Von Asim Loncaric

Der 36. EWMA-Kongress fand gemeinsam mit dem DEWU Deutscher Wundkongress unter dem Leitgedanken „Neuanfang versus Umdenken – Wundversorgung in einer Welt im Wandel“ vom 6. bis zum 8. Mai in Bremen statt. In mehr als 900 Fachvorträgen, Sitzungen, Diskussionsrunden und Workshops wurden Herausforderungen und Lösungen moderner Wundversorgung diskutiert.

Internationale Dekubitus-Leitlinie setzt stärker auf Einzelfallbewertung

Jan Kottner, Institutsdirektor des Instituts für Klinische Pflege­wissenschaft an der ­Charité – Universitätsmedizin Berlin, stellte den Stand der internationalen Dekubitus-Leit­linie vor. Laut Kottner bleibt das Grundproblem der Leitlinienarbeit bestehen: Die verfüg­bare Evidenz ist oft schwach, widersprüchlich oder nur indirekt auf konkrete Versorgungs­situationen übertragbar.

Kottner machte deutlich, dass die Leitlinie keine starre Vorgabe sein soll, sondern eine Entscheidungshilfe. Das betrifft besonders die Risikoeinschätzung. Nach seiner Darstellung wird das aus dem deutschsprachigen Raum bekannte zweistufige Vorgehen aus Screening und vertieftem Assessment inzwischen auch international klarer abgebildet. In Bereichen mit ohnehin hohem Risiko verliert ein vorgeschaltetes Screening an Sinn; dort geht es direkt in die vertiefte Einschätzung.

Auch in der Hautpflege bleibt die Leitlinie zurückhaltender, als es viele Routinen vermuten lassen. Laut Kottner stützt sie den Einsatz präventiver mehrschichtiger Silikonschaumverbände an Sakrum und Fersen sowie reibungsarmer Materialien. Für die routinemäßige Anwendung von Pflegeprodukten allein mit dem Ziel der Dekubitusprophylaxe kam die Leitliniengruppe dagegen zu keiner Empfehlung.

Ähnlich eng fasst die Leitlinie den Ernährungsaspekt. Nahrungsergänzung wird laut Kottner nur dann gestützt, wenn neben dem Dekubitusrisiko zugleich eine Mangelernährung oder ein entsprechendes Risiko vorliegt. Sondenernährung allein zum Zweck der Dekubitus­prophylaxe wird nach seiner Darstellung nicht empfohlen.

Leitlinie löst sich von starren Umlagerungsintervallen

Die Leitlinie halte zwar weiter an regelmäßiger Druckentlastung fest, löse sich aber von allzu schematischen Botschaften. Zwei- bis dreistündige Intervalle bleiben für viele Risikopersonen ein Orientierungswert. Zugleich werde nicht mehr behauptet, jede Person müsse zwingend in diesem Takt umgelagert werden. Auch längere Intervalle können im Einzelfall vertretbar sein, sofern klinische Beobachtung, Hautzustand und Gesamtsituation das tragen.

Bei Hilfsmitteln blieb ­Kottner klarer. Wer ein Dekubitus­risiko hat, braucht nach seiner Darstellung mindestens eine druckverteilende Schaumstoffauflage; eine Standardmatratze reicht nicht aus. Dasselbe Prinzip gelte für das Sitzen. Hinzu kommen bekannte, aber in der Praxis oft unzureichend umgesetzte ­Punkte wie Punkte wie Fersenfreilagerung und die Prävention geräteassoziierter Druckschäden.

Der zentrale Satz seines Vortrags lautete sinngemäß: Leit­linien sind Empfehlungen, keine Vorschriften. Für Leitungs­kräfte heißt das nicht Entlastung, sondern Übersetzungsarbeit. Globale Empfehlungen müssen in lokale Verfahren, Schulung, Dokumentation und Fallreflexion überführt werden.

Kommunikation entscheidet über den Behandlungserfolg

Gerhard Schröder, Lehrer für Pflegeberufe, Leiter der Akademie für Wundversorgung in Göttingen, verschob den Blick von der Fachlogik auf die Beziehungsgestaltung mit Patient:innen. Seine Kernthese: Gute Information scheitert oft nicht am Material, sondern an der Form. Laut Schröder sprechen selbst einfache Daten gegen die Annahme, Patient:innen seien in Wundfragen ausreichend orientiert. Er verwies auf eine AOK-Befragung aus Hessen, nach der nur ein kleiner Teil der Betroffenen den Namen, die Ursache oder die Behandlung der eigenen Wunde benennen konnte. Hinzu komme aus seiner Sicht ein strukturelles Missverständnis professioneller Kommunikation: Wer Menschen überzeugen wolle, arbeite häufig mit Belehrung, Warnung und Korrektur. Gerade das erzeuge jedoch Wider­stand.

Schröder stellte dem das Konzept des Motivational Interviewing gegenüber. Nicht die Fachkraft entscheidet, was am Ende gilt, sondern der oder die Betroffene. Die Aufgabe professioneller Kommunikation liege demnach darin Ambivalenzen sichtbar zu machen, Motive zu klären, Widerstand nicht frontal zu bekämpfen und die Selbstwirksamkeit zu stärken.

Sensibilisierungsfilm soll Pflegende im Alltag erreichen

Inga Hoffmann-­Tischner, Inhaberin von Wundmanagement Köln und Wundmanagement Aachen sowie Pflege­dienstleiterin des Kölner Pflegedienstes, stellte ein studentisches Projekt vor, das genau an dieser Lücke ansetzt. Ziel war in Zusammenarbeit mit der Initiative Chronische Wunden (ICW) kein weiteres Lehrvideo zur Entstehung des Dekubitus, sondern ein Sensibilisierungsfilm für Pflegende. Der Film sollte Dekubitus­prophylaxe als gemeinsames Ziel im Stationsalltag sichtbarer machen, ohne Fehler öffentlich vorzuführen. Getestet wurde das Ergebnis auf einer chirurgischen Station. Im Feedback sei von den Pflegenden mehrfach zurückgemeldet worden, dass der Film motiviere, im Alltag genauer hinzusehen. Auch so kann erfolgreiche Sensibilisierung für das Thema umgesetzt werden.


Video „Dekubitusprophylaxe – gemeinsame Prävention rettet Haut und Gewebe“ auf Youtube unter https://vinc.li/DekuVideo