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Pflege-Gewerkschafter kritisieren Debatte um Lohnfortzahlung bei Krankheit

Der Vorstandsvorsitzende der Allianz-Versicherung hat vor dem Hintergrund zunehmender Krankmeldungen die Wiedereinführung des sogenannten Karenztags gefordert und damit eine kontroverse Debatte ausgelöst. Mit einer solchen Regelung würden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag keinen Lohn bekommen. Für systemrelevante Berufsgruppen wie die Pflege sei das inakzeptabel, mahnt der BochumerBund.

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
Bild: Adobe Stock/nmann77

Darum laufen Gewerkschafter Sturm

Die Gewerkschafter des BochumerBund warnen, dass die Pflegeprofession durch Personalmangel, Überstunden, körperliche und psychische Belastung ohnehin schon am Limit sei. Die Abschaffung der Lohnfortzahlung würde ein Klima schaffen, in dem Pflegende sich gezwungen sähen, krank zur Arbeit zu erscheinen, und damit ihre Kolleginnen und Kollegen sowie die zu versorgenden Menschen zu gefährden. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte mit deutlichen Worten davor gewarnt: „Niemand braucht aktuell Vorschläge, die noch mehr Beschäftigte dazu bringen, krank zu arbeiten“, kommentierte Anja Piel vom DGB-Vorstand.

So weit verbreitet ist Präsentismus

Dass die Sorge um zunehmenden Präsentismus begründet ist, spiegelt sich auch in wissenschaftlichen Daten der Krankenkassen wider. Eine Studie der Barmer im Jahr 2024 hatte ergeben, dass vier von zehn Pflegekräften häufig trotz Krankheit zur Arbeit gehen. In Einrichtungen mit regelmäßigem Personalmangel ist die Quote mit 68 Prozent sogar noch deutlich höher, zeigt eine weitere Studie der DAK. Eine Befragung der AOK von 2021 wiederum kam zu dem Ergebnis, dass rund jede dritte Führungskraft in der Pflege krank zur Arbeit erscheint. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage in Ausgabe 7/2023 der Zeitschrift Altenpflege stimmten sogar 91 Prozent der Aussage zu, gelegentlich auch krank zur Arbeit zu erscheinen. Häufig begründet wird das Verhalten mit Pflichtbewusstsein und einem Verantwortungsgefühl den Kolleginnen und Kollegen gegenüber, verschärft durch den Personalmangel.

Der BochumerBund hat die Politik in einer Pressemitteilung aufgefordert, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall uneingeschränkt beizubehalten. „Statt Kürzungen vorzunehmen, sollten Maßnahmen ergriffen werden, die die Arbeitsbedingungen beruflich Pflegender verbessern und den Krankenstand nachhaltig senken“, argumentieren die Gewerkschafter.

So positionieren sich die Parteien

Aus der Politik gab es unterschiedliche Reaktionen auf den Vorschlag des Allianz-Chefs, auch innerhalb der jeweiligen Parteien. Unions-Fraktionsvize Sepp Müller (CDU) zeigte sich im Interview mit Politico grundsätzlich offen dafür, während der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Karl Josef Laumann sich klar dagegen positionierte. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Carl-Julius Cronenberg forderte im Spiegel sogar drei Karenztage – entgegen seiner Parteilinie, die eine solche Regelung ablehnt und stattdessen auf Anreize durch Boni für Monate ohne Krankmeldung setzt. Die SPD-Minister Karl Lauterbach und Hubertus Heil haben sich klar gegen die Forderung des Allianz-Chefs gestellt. Und auch die Bundestagsfraktion der Grünen erteilte dem Vorschlag eine deutliche Absage und bezeichnete diesen als „Griff in die sozialpolitische Mottenkiste“.

Sollte das Thema in den Koalitionsverhandlungen nach der nächsten Bundestagswahl am 23. Februar also aufkommen, zeichnet sich in den aktuell wahrscheinlichen Regierungskonstellationen aus CDU und SPD oder Grünen keine Mehrheit dafür ab.