Qualität
Deggendorfer Pflegeheim setzt auf Aktivierung statt Fixierung
Das compassio Seniorendomizil Marienthal in Deggendorf setzt seit 2024 als erste Einrichtung der Gruppe auf den Werdenfelser Weg. Das Konzept vermeidet freiheitsentziehende Maßnahmen und fördert Selbstbestimmung.
Als ein 95-jähriger Bewohner im compassio Seniorendomizil Marienthal in Deggendorf davon berichtet, dass er keinen Lebensmut mehr verspürt, wird das für Einrichtungsleitung Doris Frammelsberger zum Wendepunkt. Statt den Rückzug zu akzeptieren, setzt das Team auf Aktivierung und neue Erlebnisse. Kurze Zeit später sitzt der Senior beim Flugplatzfest im Nachbarort in einem Kleinflugzeug und darf die Maschine sogar einmal selbst steuern. Heute beteiligt er sich aktiv am Leben in der Einrichtung und spricht nicht mehr von fehlendem Lebensmut.
Mehr Selbstbestimmung, weniger Zwang
Seit 2024 setzt das Seniorendomizil in der niederbayerischen Kreisstadt als erste Pflegeeinrichtung der compassio Gruppe auf den Werdenfelser Weg. Das 2007 in Garmisch-Partenkirchen entwickelte Konzept zielt darauf ab, freiheitsentziehende Maßnahmen wie Fixierungen oder sedierende Medikationen zu vermeiden. Dazu zählen herkömmliche Bettgitter, Gurte im Rollstuhl oder beruhigende Medikamente. „Freiheit ist keine Gefahr, sondern das höchste Gut des Menschen. Auch im Alter“, erklärt Doris Frammelsberger, die auf 26 Jahre Erfahrung in der Pflege- und Gesundheitsbranche zurückblickt.
Ein zentraler Bestandteil war die kritische Überprüfung der Medikationspläne. Gemeinsam mit Ärzt:innen wurden sedierende Medikamente reduziert, wo es möglich und medizinisch vertretbar ist. „Psychopharmaka schränken nämlich nicht nur das Bewusstsein ein, sondern auch die Gefühlswelt. Dabei sind Gefühle ein maßgeblicher Teil vom Leben“, führt Frammelsberger aus.
Individuelle Lösungen im Pflegealltag
Mit regelmäßigen Festen wie dem monatlichen offenen Tanztee bringt das Pflegeteam Leben in die Einrichtung. „Unsere Bewohner:innen wollen Musik, sie wollen singen, sie wollen tanzen. Mein Job ist es auch, für Action zu sorgen. Am Abend nach dem Tanztee wird nicht eine einzige Schlaftablette gebraucht“, freut sich die Einrichtungsleiterin. Außerdem gebe es keine bessere Sturzprophylaxe als Tanzen.
Ausgebildete Palliativfachkräfte arbeiten mit einer besonderen Aromapflege. Duft-Diffuser mit reinen Ölen, Massagen und atmungsstimulierendes Einreiben können das Wohlbefinden steigern. Entscheidend ist das Aroma in Bezug zur Biografie: Der Duft von Tannen wirkt bei ehemaligen Landwirt:innen beruhigend, Vanille weckt Erinnerungen an Weihnachtskekse.
Statt einen mobilen Bewohner mit einem Sitzgurt am Rollstuhl festzuschnallen, setzt das Team auf einen Sturzhelm. „Mit herkömmlichen Fixierungsmethoden steigen die Muskelspannung und auch das Stresslevel“, begründet Frammelsberger.
Wachsende Motivation im Team
Die Umsetzung des Werdenfelser Wegs im Jahr 2024 erfolgte systematisch. Die rund 200 Mitarbeitenden setzten sich aktiv ein. Die Herangehensweise stärkt nicht nur die Qualität der Pflege, sondern auch die Identifikation mit dem Beruf. Der Fachkräftemangel ist in dem niederbayerischen Seniorendomizil deutlich weniger ausgeprägt als in anderen Pflegeeinrichtungen. „Es gibt genügend Pflegekräfte, die einen wertschätzenden Umgang mit den Bewohner:innen wollen“, erklärt Frammelsberger.
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